"PRIVATE
BERATER" –
PRIVATE
WEICHENSTELLER MIT MEDIEN- UND KONZERN-INTERESSEN
Funktionen
des Centrums für Hochschulentwicklung /
CHE (Gütersloh) und des größten
deutschen Medienkonzerns in den gegenwärtigen Hochschulstrukturdebatten
An den Hochschulen
- und insgesamt im Bildungssystem - wird zur Zeit hohe Politik betrieben.
Aber die Betroffenen, Lehrende und Lernende, fangen erst allmählich an,
deren Charakter zu begreifen und sich schließlich entschieden einzumischen.
Dafür ist es höchste Zeit; denn von (im wahrsten Sinne des Wortes)
herrschender Politik werden zur Zeit noch alle Reformdebatten bestimmt. In
ihr geht es überhaupt nicht nur darum, Mängel in Lehre und Forschung
zu beseitigen oder gar linke und andere kritische Positionen vollends zu eliminieren;
es geht mindestens im selben Umfang um die Auflösung von Positionen,
die an ständisch-traditionellem Gedankengut, z. B. an überkommener
Ordinarienherrschaft, orientiert sind.
Das macht die
Lage einerseits kompliziert, andererseits wird dadurch klar, dass das, was
von der herrschenden Politik durchgesetzt werden soll, keineswegs einen Rückschritt
darstellt etwa im Sinne einer Wiederherstellung alter Strukturen oder im Sinne
eines Machwerks der "Ewig-Gestrigen", sondern dass es sich hier um Neues handelt,
um eine fundamentale Strukturänderung - so fundamental, daß sie
eben auch mit allen demokratischen Kontrollen und sonstigen Demokratie-Elementen
an den Hochschulen Schluß machen soll.
Im folgenden
soll ein Teil der Instrumente und der Methoden untersucht werden, die bei
der Planung und Durchsetzung der herrschenden Hochschulpolitik bedeutsam sind.
Alles, was ich
dazu darlegen werde, liegt im Bereich von Freiheit und Demokratie bzw. von
sich entwickelnder Unterdrückung und diktatorischer Herrschaft. Dabei
wird entschieden differenziert zwischen einer politischen Freiheit, an der
demokratische Maßnahmen und Kontrollen stets zu messen sind, und einer
Markt-"Freiheit", mit der die freie Bestimmung über jene besondere Sorte
von Eigentum gemeint ist, mit deren Hilfe über andere Menschen und deren
Arbeitskraft verfügt werden kann. Gerade dies ist die unsere Gesellschaft
zentral und verfassungsmäßig konstituierende Eigentumsfreiheit,
nämlich die Freiheit des Umgangs mit Produktionsmitteln und anderen Formen
des Kapitals, also mit denjenigen Formen des Eigentums, die erst in Kombination
mit fremder menschlicher Arbeitskraft zu Gewinn, ökonomischer Expansion,
Reichtum und hochkonzentrierter gesellschaftlicher Macht führen - und
dies eben in scharfem und wachsendem Widerspruch zu allen demokratisch-politischen
Strukturen, solange diese noch eine Rolle spielen.
1. Ökonomie
und Politik konzentrierten Kapitals
Wir haben es
am Ende dieses Jahrhunderts - wie schon einmal zu dessen Beginn - mit einem
Schub besonders rapider politisch-ökonomischer Entwicklungen zu tun.
Die Konzentrations- und Zentralisierungsbewegungen des Kapitals sind von gewaltigen
Beschleunigungen bestimmt; eine Kapitaleinheit frißt die andere, treibt
sie in den tödlichen Ruin, vereinigt sich mit ihr per Ausgleich oder
per Zielanpassung, damit die nächsten Schluckbewegungen vorbereitend.
So sind heute feindliche und freundliche Übemahmen an der Tagesordnung;
die größten Kapitale schließen sich Ländergrenzen und
Kontinente übergreifend auf inzwischen höchster Ebene zusammen -
und es wird so getan, als ob dies rein ökonomische oder gar fortschrittliche
Prozesse seien. Tatsächlich sind dies zugleich hochpolitische Prozesse,
Prozesse, die jeweils weitere Schritte in Richtung auf ökonomisch-politische
Diktate auf wachsender Stufenleiter darstellen. Und jede dieser Stufen verschärft
den Widerspruch zwischen demokratischer Einflußnahme und sozialer Kontrolle
von unten auf der einen Seite und der tatsächlichen ökonomisch-gesellschaftlichen
Macht auf der anderen Seite.
(Zum Seitenanfang)
Das ist der
Grund dafür, dass sowohl soziale als auch demokratische Kontroll- und
Widerstandspotentiale zunehmend sanktioniert, eingeschränkt, abgebaut
und ersetzt werden sollen einerseits durch Mechanismen mit reinen Legitimationsfunktionen
und andererseits durch verschiedene Arten ökonomisch-politischer Diktate:
Regierungsprogramme bestimmend, Regierungen verändernd, Minister zum
Rücktritt zwingend, Gesetze präjudizierend oder in aller Öffentlichkeit
mißachtend etc.; und dass des weiteren solche Diktate immer ungeschminkter
und selbstverständlicher auftreten. Die Diktate folgen dann dementsprechend
(oft verschleierten) Interessen an noch weiterer Bereicherung und an optimalen
Bedingungen für jeweils nächste Konzentrationsbewegungen des Kapitals,
die nächste gesellschaftliche Machterweiterung anpeilend. All dies ist
heute so fortgeschritten, dass der alte Streit über die Priorität
von Ökonomie oder Politik längst obsolet ist: diese Ökonomie
ist die Politik des Kapitals.
Für das
Kapital auf diesem Niveau ist der Begriff Reichtum längst nicht mehr
angemessen, längst eine verschleiernde Kategorie, die hinter dem Schein
rein quantitativer Differenzen zwischen reich und arm die neue extreme Qualität
jenes Kapitals verschwinden läßt.
Mit Konzentrationsbewegungen
der beschriebenen Art wird die Zahl der Menschen, die dieses Kapital repräsentieren,
von Stufe zu Stufe kleiner und immer kleiner. Und deren Interessen geraten
in immer abgrundtieferen Widerspruch zu den in der Gesellschaft verbreiteten
sozialen, ökonomischen, politischen und das heißt zugleich demokratischen
Interessen. So entwickelt sich eine kleinste Minderheit, ausgestattet mit
unglaublicher ökonomischer Macht und mit extremsten Zielen, die ihre
Diktate zum einen eben über politisch-ökonomischen Druck auf staatliche
Willensbildungsprozesse praktiziert, zum andern über freie kapitalistische
Gründungen, Stiftungen, Unterstützungen oder auch umgekehrt über
scharfe Sanktionen wie Entlassungen, Kreditentzug und anderes mehr, womit
eminente gesellschaftliche Prozesse in Gang gesetzt werden können.
Die Politik
einer solchen extremen Minderheit, d. h. diese politische Ökonomie, kommt
mindestens ohne zweierlei nicht aus: zum einen nicht ohne eine dauernde und
sich intensivierende Propaganda für "unpopuläre Maßnahmen",
zum andere nicht ohne die fundamentale Verkehrung von Sprache als Kommunikations-
und Erkenntnismittel in ein Verschleierungs- und Erkenntnisverhinderungs-Instrument;
dies geschieht vor allem mit Hilfe der Verwendung positiv besetzter Begriffe
für Eingriffe und Maßnahmen, die substantiell die Lebensbedingungen
einer wachsenden Mehrheit von Menschen verschlechtern. Daher z. B. muß
heute alles "Reform" heißen, und zwar um so entschiedener, je brutaler
der Eingriff ist.
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Dies weiß
am besten ein Medienkonzern wie der größte in der Bundesrepublik
und der weltweit verbreitetste und verflochtenste: der Bertelsmann-Konzern
mit zentralem Sitz in Gütersloh. Auf seine Initiative hin und aus seinen
Strukturen heraus, insbesondere über die Bertelsmann-Stiftung, ist das
CHE 1994 gegründet worden, ein Instrument zur Steuerung der Hochschulreform
mit Zielen, die nicht einfach altruistisch oder gemeinwohl-dienlich sind,
sondern viel zu tun haben mit Interessen des Konzerns selbst und sonstigen
hochkonzentrierten Kapitals.
2. Das CHE
- personelle und institutionelle Einbindungen
Das Centrum
für Hochschulentwicklung (CHF), selbst ebenfalls in Gütersloh angesiedelt,
hat eine private Rechtsform und dennoch öffentliche Funktionen; das garantiert
einerseits "Unabhängigkeit", d. h. es ist frei von allen noch so indirekten
demokratischen Kontrollen, nur dem Konzernkapital gegenüber verpflichtet;
das garantiert andererseits einen Einfluß, dessen Umfang von der Macht
des Kapitals, das hinter ihm steht, abhängt und von den Verpflichtungen
und Verbindungen, die dieses Kapital repräsentiert. Im Falle des CHE
ist dies drittens in spezifischer Weise ergänzt durch breite öffentlich-institutionelle
Fundierung, d. h. durch die engste Verflechtung mit Einrichtungen des öffentlichen,
also hoheitlichen Sektors.
Im Mai 1994
eingerichtet, mit einem Jahresetat von zwei bis drei Millionen, ist das CHE
eine private, als gemeinnützig anerkannte GmbH und dennoch mitgegründet
durch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK), also durch eine Versammlung der
Repräsentanten hoheitlicher Bildungseinrichtungen, der Form nach selbst
vertreten durch die Stiftung zur Förderung der Hochschulrektorenkonferenz
(als juristischer Person). Bis heute steht das CHE in engstem praktischem
Verbund mit der HRK.
Sein Leiter,
Detlef Müller-Böling, Professor für Betriebswirtschaftslehre
an der Universität Dortmund, hatte schon während der letzten Bundesregierung
enge Beziehungen zum damaligen Wissenschaftsminister Jürgen Rüttgers;
er war von ihm berufen worden an den Runden Tisch, der zum Hochschulrahmengesetz
im Wissenschaftsministerium eingerichtet worden war. Heute bestehen zum Bundespräsidenten
Herzog und zu dessen Amt enge und immer wieder erneuerte Kontakte. Unter dessen
Schirmherrschaft steht der Initiativkreis Bildung; er soll - und eben an prominentester
Stelle - Vorschläge zur "Erneuerung des Bildungswesens" entwickeln und
damit einer der zahlreichen institutionellen Impulsgeber sein, die das CHE
etabliert hat. Desgleichen werden im Benehmen und unter Beteiligung des Bundespräsidenten
ab und zu "Nationale Bildungskongresse" veranstaltet, so zum Beispiel demnächst
der Kongreß vom 13. April 1999, sämtlich mit der Funktion bedacht,
die vom CHE längst propagierten Umstellungsimpulse zum Bildungswesen
auf gesamtnationaler Ebene zu verstärken.
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Auf Länderebene
ist das CHE vielfach aktiv. Sein Leiter, um nur einige Beispiele zu nennen,
ist Mitglied der Hochschulstrukturkommission in Baden-Württemberg, desgleichen
Berater des Bundes Norddeutscher Hochschulen; das CHE leitet bei der Landesregierung
Niedersachsen den Wissenschaftlichen Beirat, der das "Modellvorhaben für
eine Erprobung der globalen Steuerung von Hochschulhaushalten" im Auftrag
des Niedersächsischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur seit
über vier Jahren begleitet (durchgeführt an den Universitäten
Oldenburg und Clausthal sowie an der Fachhochschule Osnabrück). Dieser
immerhin von einer Landesregierung eingesetzte Beirat hat seine Geschäftsstelle
in den Räumen des CHE in Gütersloh, welches selbst wiederum innerhalb
des Bertelsmann-Anwesens residiert. Des weiteren steht das CHE in vertraglicher
Kooperation mit dem Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur
des Landes Thüringen. - Und damit sind nur einige der zahlreichen institutionalisierten
und in juristische Formen gegossenen Kooperationen genannt.
Interessant
ist der zehnköpfige Beirat, den die Bertelsmann-Stiftung dem CHE beigeordnet
hat: Ihm gehören an zwei hochrangige Kapitalvertreter, Mark Wössner,
Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Stiftung (in dieser Eigenschaft und
in seiner Beiratsfunktion hat er im Oktober 1998 Reinhard Mohn abgelöst,
den einflußreichsten Vertreter der Familie Mohn, die den Bertelsmann-Konzern
insgesamt beherrscht) und Tyll Necker, Vizepräsident des Bundesverbandes
der Deutschen Industrie, sowie acht Universitätsprofessoren, darunter
zwei Wissenschaftsminister (in Sachsen und Rheinland- Pfalz) und der Präsident
der Hochschulrektorenkonferenz, Klaus Landfried, sowie dessen Vorgänger
und jetziger Präsident der Vereinigung der Rektorenkonferenzen der Mitgliedsstaaten
der EU, Hans-Uwe Erichsen. - Bis vor kurzem war langjähriges Beiratsmitglied
auch der Politikwissenschaftler Werner Weidenfeld, Mitglied des Vorstands
der Bertelsmann-Stiftung, enger Vertrauter des damaligen Bundeskanzlers Helmut
Kohl, bis Ende 1998 Koordinator für die deutsch-amerikanische Zusammenarbeit
und bereits seit 1995 Herausgeber der hochrangigen außenpolitischen
Zeitschrift "Internationale Politik".
3. Der Konzern
und das CHE
Konzernbezogen
ist das CHE in folgende Strukturen eingebunden: Es ist eine Gründung
der Bertelsmann-Stiftung, in seiner Existenz und seinem Wirkungsgrad von ihr
abhängig. An deren Spitze steht kein geringerer als Mark Wössner,
bis Oktober 1998 Chef der Bertelsmann-AG, also des Weltkonzerns in der Form
einer Holding-Gesellschaft. Dessen Vorgänger in beiden Funktionen, Reinhard
Mohn, hatte die Stiftung 1977 gegründet, und zwar nach dem von ihm selbst
verkündeten Motto:
Eigentum verpflichtet zur Verantwortung für die Gesellschaft.
(Zum Seitenanfang)
Vielleicht war
diese Stiftung zunächst unter steuerlichen Gesichtspunkten etabliert
worden. Sie wurde jedoch bald für zahlreiche Unterstützungsmaßnahmen
in Funktion genommen. Die entscheidende Perspektivänderung nahm Reinhard
Mohn 1993 vor. Er übertrug - vielleicht nicht unabhängig von neuen
Steuergesetzen - 68,8% des Grundkapitals der Bertelsmann-AG auf die Stiftung,
über zwei Drittel also der Anteile des Bertetsmann-Konzerns als Holding-Gesellschaft,
und er verband mit dieser gewaltigen Transaktion eine neue programmatische
Perspektive: Von dieser Stiftung sollten nun nicht mehr wie bisher im wesentlichen
Einzelprojekte unterstützt werden, sondern in gesellschaftspolitischer
Perspektive flächendeckende Initiativen - Initiativen nämlich mit
gesamtgesellschaftlicher und damit hochpolitischer Wirksamkeit. Dementsprechend
reichlich und z. Zt. rapide wachsend ist ihr Budget: es beträgt 1998/99
nicht weniger als 83 Mio. DM, elf Mio. mehr als im letzten Geschäftsjahr.
Die Bertelsmann-Stiftung
ist somit ein gewichtiger Teil der Bertelsmann-AG, und sie gehört zu
90% ihres gesamten Kapitals und zu 100% des stimmberechtigten Kapitals der
Familie Mohn und der Bertelsmann-Stiftung gemeinsam. Mit dem Rest des Kapitals
ist die Stiftung verbunden mit der entsprechenden Einrichtung der Wochenzeitung
DIE ZEIT; die ZEIT-Stiftung hält 10% nicht-stimmberechtigter Aktien.
Zur Bedeutung
dieses Konzerns sei folgendes hervorgehoben: Er war gerade in den letzten
Jahren mit milliardenschweren Umsätzen im In- und Ausland erfolgreich;
1996 mit 22,4 Milliarden DM, 1997 mit 26,5 Milliarden DM, zugleich mit gewaltigen
Gewinnen: 805 Millionen DM im Jahr 1995 und eine Milliarde DM im Jahr 1996
(Florian Dohmen, Medien und Macht, 1998, S. 68). Und wie international dieser
Konzern ist, zeigt sich darin, daß der Gesamtkonzern-Umsatz zu zwei
Dritteln internationalen Charakter hat.
Wie ein solcher
Konzern aussieht und welche Tätigkeiten er umfaßt, kann hier nur
in Kürze anhand der vier wichtigsten "Linien" angegeben werden:
1.
Die auf Bücher
bezogene Linie umfaßt Buch-Clubs und Verlage. In den Clubs sind weltweit
über 25 Millionen Menschen auf allen Kontinenten organisiert - von Nord-
und Südamerika über die meisten Staaten Europas bis hin, neuerdings,
zur Volksrepublik China. Der Verlagsbereich konzentriert sich auf den deutschsprachigen
Raum, expandiert hier bis in die neueste Zeit (kürzlich erst, im Oktober
1998, Übernahme des Springer-Wissenschaftsverlags und des Nomos-Verlags)
und erstreckt sich auch auf die USA und Spanien.
(Zum Seitenanfang)
2.
Der Entertainment-Bereich
umfaßt die weltweiten Tonträger- und TV/Film-Aktivitäten des
Konzerns. Zu den Bertelsmann-Labels im Schallplattenbereich gehören z.
B. so mächtige wie RCA, Ariola, Arista sowie 200 (!) weitere kleine Labels
in über 50 Ländern der Erde. So entstehen jeden Tag mehr als zwei
Mio. Bertelsmann-eigene CD's! - Im TV-Bereich ist CLT-UFA "mit 22 Fernsehsendern
und 22 Radiostationen ... führend in Europa. In Deutschland zählen
dazu RTL, RTL 2, Super-RTL, VOX und Premiere" (R. Liedtke, Wem gehört
die Republik, Ausgabe 1999, S. 85f) - Premiere stellt zugleich die Verbindung
mit dem Kirch-Konzern her - sowie in Frankreich M6, Serie Club, Multivision,
TMC und RTL 9; überdies gehören zu CLT-UFA weitere Sender in Großbritannien
und allen drei BENELUX-Staaten. Mit CLT-UFA ist Bertelsmann der klare Marktführer
des werbefinanzierten Fernsehens in Europa und damit organisatorischer Hauptträger
der fortschreitenden Niveau-Senkung in diesem Bereich, weil eben deren Profiteur.
Ein gewaltiges Geschäft, und ebenfalls der Niveau-Senkung dienlich, ist
der Handel mit Aufführungs-Rechten - sie werden in über 140 Länder
verkauft.
3.
Der dritte Hauptbereich
heißt aus historischen Gründen Produktlinie Gruner + Jahr und umfaßt
75 Zeitschriften (davon 34 in Deutschland) und 10 Zeitungen. Der Konzern beherrscht
so bekannte Zeitschriften wie Stern, Brigitte, Frau im Spiegel, Eltern, Geo,
Capital, Art, Marie Clair, Essen & Trinken und Schöner Wohnen. Seit
1990 ist der Konzern groß eingestiegen in den Aufkauf und die Übernahme
ostdeutscher Tageszeitungen, z.B. Berliner Zeitung, Chemnitzer Morgenpost,
Dresdner Morgenpost, Sächsische Zeitung; darüber hinaus ist er heute
im Besitz dreier bedeutender Zeitungen in Ungarn und der Slowakei.
4.
Der Multimedia-Bereich
expandiert mit besonderer Dynamik, insbesondere seitdem Bertelsmann die Intemet-Online-Dienste
AOL und CompuServ für Europa übemommen hat (in Form eines Joint-Ventures
mit America Online). Seine sonstigen Aktivitäten reichen schließlich
vom lmmobilienhandel im In- und Ausland bis hin zu Finanzverschiebungen über
eine Bertelsmann International Finance Limited NV, angesiedelt ausgerechnet
auf der kleinen Antillen-Insel Curacao.
Der Konzern
ist weltweit so vielfältig aufgegliedert, daß eine schaubildmäßige
Darstellung sich längst verbietet; die fast 600 selbständigen Einheiten
muß die - laufend ergänzte - Publikation "Konzeme in Schaubildern"
auf 20 Seiten verteilen.
(Zum Seitenanfang)
4. "Eigentum
verpflichtet"
Das CHE ist niemandem
als nur dem hinter ihm stehenden, machtvollen Kapital verantwortlich. Es handelt
sich hier zum einen um den organisatorischen Hebel einer ökonomisch gewaltigen
und medial erfahrenen Einflußgruppe, nein: Machtzentrale, zum anderen
jedoch auch um eine Einrichtung, die angetreten ist, den privaten Bereich,
in dem sie zunächst agiert, mit öffentlichen Funktionen aufzuladen.
Dabei geht es vor allem um die Zurückdrängung öffentlicher
oder gar demokratischer Kontrollen, was am konsequentesten über eine
Übertragung öffentlicher Funktionen auf privates Kapital zu leisten
ist. Das Besondere und Auffällige an den CHE-Aktivitäten besteht
hier in der öffentlichen, in der staatlichen Akzeptanz und Förderung
solcher Aktivitäten einer privaten Firma, ja, in deren Mitinitiierung
durch staatliche Hoheitsträger und in der seitdem bestehenden engsten
institutionellen Verflechtung mit zahlreichen staatlichen Instanzen - und
all dies trotz (oder gerade auf Grund) offensichtlichster Abhängigkeit
von der mächtigen und ihre privaten Interessen kaum verheimlichenden
Bertelsmann-Stiftung - der Angebundenheit des CHE an ihre im wahrsten Sinne
des Wortes privaten, nämlich der öffentlichen Kontrolle entzogenen
Interessen.
Es liegt auf
der Hand, wie damit Zuständigkeitsbereiche, die öffentlicher Kontrolle
zu unterliegen haben, von privaten Einrichtungen Schritt für Schritt
besetzt werden sollen und wie dadurch das interessierte Diktat, die schiere
Kontrolle durch das Kapital und seine Funktionäre immer weitere Bereiche
der Gesellschaft erfaßt und die restlichen Entscheidungs- und Kontrollkompetenzen
öffentlicher Organe vollends aushöhlt oder diese zu bloßen
Instanzen lähmender Legitimation entwertet.
Reinhard Mohn
war sich bei der Gründung der Bertelsmann-Stiftung wohl bewußt,
was er meinte, als er sie unter das Motto "Eigentum verpflichtet" stellte,
unter jenes Prinzip, unter das das Grundgesetz seine Eigentumsgarantie in
Artikel 14 stellt. Diese "Sozialpflichtigkeit" meint im allgemeinen Verständnis
eine Einschränkung der generell freien, nämlich rücksichtslosen
Verfügung über Eigentum, eine Einschränkung damit der konsequenten
Privatnützigkeit in der Zielsetzung des Umgangs und des Einsatzes des
Kapitals. Nur so, das lehrt eine jahrzehntelange Erfahrung, kann der Zusammenprall
zwischen demokratischen Willensbildungen und Kontrollen auf der einen Seite
und der Gewalt des konzentrierten Kapitals auf der anderen Seite etwas abgefedert
werden.
(Zum Seitenanfang)
Längst,
nämlich seitdem das Kapital wieder in höchster Konzentration in
Deutschland auftritt, ist dieses Verständnis der Sozialpflichtigkeit
vom Kapital selbst ausgehebelt. Längst ist die "Sozialpflichtigkeit"
in einem dem Kapital überaus günstigen Sinne umdefiniert, ja geradezu
umgedreht, indem die Privatnützigkeit, in totaler Konsequenz angewandt,
geradezu zur obersten Pflicht, ja zur politischen Pflicht des Kapitals erklärt
worden ist - so in der wahrhaft herrschenden Lehre seit Anfang der achtziger
Jahre.
Bereits 1971
formulierte der seinerzeit vielleicht wichtigste Repräsentant des deutschen
Kapitals, Hermann Josef Abs, ehemaliger Vorstandssprecher der Deutschen Bank
(und ehedem, nicht zu vergessen, führend beteiligt an der Entjudung -
ab 1938 - deutschen und - ab 1939 - ausländischen Kapitals): Eine parlamentarische
Demokratie ist geradezu dadurch charakterisiert, daß die Legitimation
durch Wahlen und die Legitimation durch Privateigentum in einem Gleichgewicht
stehen (Abs, Lebensfragen der Wirtschaft, 1976, S. 92f.).
Hier war bereits
eine spezielle Legitimation der Kapitalbesitzer zum Eingreifen in Politik
gefordert oder behauptet worden, eine Legitimation, die gleichsam selbstverständlich
aus der Verfügung über einigermaßen konzentriertes Kapital
erwachsen solle.
Diese Position
wurde sodann von Staatsrechtlern konsequent ausgebaut; sie wurde 1983 in die
offiziöse Kommentierung zum Grundgesetz aufgenommen, in den hochrenommierten
Grundgesetz-Kommentar von Maunz/Dürig, unter Auswechslung des Kommentators
und der bisherigen Grundlinie des Kommentars zu Art. 14.
Hans-Jürgen Papier, der neue Kommentator, vollzog in über 600 Randnoten
eine wahrhaft gründliche Umkommentierung; sein Kommentar geht so weit,
daß die Sozialpflichtigkeit geradezu einen Anspruch des Kapitals auf
Einmischung in die Politik beinhalte, und zwar in dem Maße wachsend,
in dem das Kapital konzentriert und mächtig auftritt.
Das Gewicht
des jeweiligen Kapitals gilt überhaupt nicht mehr als Gefahr für
die Demokratie, sondern umgekehrt, die Demokratie wird als Gefahr für
die Freiheit des agierenden Kapitals verstanden und deshalb - zu seinem Schutz
- das Kapital geradezu verpflichtet, mit welchen Mitteln auch immer als Teil
der gesellschaftlichen Gewalten aufzutreten. Unsere "Eigentumsordnung" erfordere
dies "gerade auch wegen ihrer politischen Explosivität" (Maunz/Dürig,
Grundgesetz, Art. 14, Rdnr. 5).
(Zum Seitenanfang)
Papier hebt dabei hervor, daß diese Einmischung nicht einmal das Gemeinwohl
im Auge zu haben brauche, also nicht einmal übergreifende Ziele; vielmehr
beinhalte die Sozialpflichtigkeit des Eigentums gerade eine Einmischung "mit
privatnütziger Zielsetzung" (Rdnr. 4 und 276) bzw. mit dem Ziel einer
"privatnützigen Mitgestaltung der Sozialordnung" (Rdnr. 12).
Papier führt dafür sogar ein neues Verständnis von Gewaltenteilung
ein; er spricht von einer unsere Verfassung prägenden sozialen "Gewaltenteilungsfunktion"
des Art. 14 (Rdnr. 4), davon also, dass dem Kapital im Maße seiner Konzentration
eine besondere Legitimation, nämlich die Legitimation zur Teilhabe an
gesellschaftlicher Gewalt zukomme, eben als Gegengewicht zu den demokratischen
Rechten des Volks.
Eine rein auf den Volkswillen gestützte Demokratie lehnt er entschieden
ab: das Grundgesetz kenne gemäß Art. 14 "keine Totalität des
(demokratisch legitimierten) Hoheitsakts ..., keine potentiell absolute Herrschaft
der politischen Demokratie über Gesellschaft und Wirtschaft" (Rdnr. 4).
Diese extreme
Interpretation der Sozialpflichtigkeit des Eigentums, Demokratie einschränkend
und sie subtil eines totalitären Charakters verdächtigend, entspricht
aufs beste neoliberalen Vorstellungen und Interessen. Papier, seit kurzem
zum Richter am Bundesverfassungsgericht und zum Vorsitzenden von dessen erstem
Senat avanciert, hat damit die verfassungsrechtliche Anpassung an den herrschenden
Neoliberalismus geleistet.
Und das ist
keine theoretische Konstruktion, sondern hatte seine volle Entsprechung in
einer praktischen Politik, für die von der Bundesregierung und vom Bundestag
die Tore bereits weit geöffnet waren. Seit Anfang der achtziger Jahre
sind die Steuern auf das Kapital, insbesondere auf das konzentrierteste Kapital,
stufenweise und schließlich radikal gesenkt worden. Dies hatte für
unseren Zusammenhang zweierlei Folgen: zum einen wuchs die Beweglichkeit des
Kapitals, wuchs die Möglichkeit, es frei einzusetzen, in hohem Maße;
zum anderen verarmten die öffentlichen Haushalte zunehmend - eine für
das weitere Erstarken des Kapitals wichtige Schwächung des öffentlichen
Sektors.
Es muß
an dieser Stelle auf den hochpolitischen und entdemokratisierenden Charakter
von Steuersenkungen zu Gunsten einflußreicher Konzerne hingewiesen werden.
Jede Schwächung staatlicher Finanzkraft, z.B. im Hinblick auf das Bildungswesen,
reduziert die Fähigkeit der öffentlichen Hand, die entsprechenden
öffentlichen Aufgaben zu erfüllen; es sind aber gerade die hoheitlichen
Institutionen, die noch einer gewissen öffentlichen Kontrolle unterliegen.
Ökonomisch tritt nun an deren Stelle die um so größere Fähigkeit
der steuerlich begünstigten Konzerne, jetzt in eigener Regie und ohne
jede derartige Kontrolle diese Funktionen wahrzunehmen. Das tritt zwar am
deutlichsten bei Steuerentlastungen zu Gunsten des konzentriertesten Kapitals
zutage; aber prinzipiell gilt dies auch für alle Gesetzesregelungen,
die einen speziellen Steuererlaß für Stiftungen und Sponsorentum
vorsehen; auch hier - so sehr die von Stiftungen und Sponsoren Bedachten im
einzelnen davon profitieren können - tritt an die Stelle abgebauter Steuern
eine um so größere Fähigkeit privaten Kapitals, ohne jede
demokratische Kontrolle entsprechende gesellschaftliche Aufgaben zu übernehmen
- in seinem Sinne zu übernehmen.
5. Funktionen
und Ziele des CHE
Mit großer
Entschlossenheit und mit Unterstützung von höchster Stelle hat das
CHE seine Arbeit im Mai 1994 aufgenommen. Binnen fünf Monaten erschienen
sechs Arbeitspapiere, eines von ihnen von keiner geringeren Institution in
Auftrag gegeben als der Weltbank.
Das CHE definiert
sich selbst als eine "Denkfabrik" - das ist eine Beschönigung; es ist
vielmehr ein Instrument, das längst vorentschiedene Ziele durchsetzen
soll und dementsprechend vorgegebene Interessen verfolgt; sein großer
Vorteil ist die ihm mitgegebene Fähigkeit zu Kampagnen mit langem Atem.
Inhaltlich stimmt das CHF, in seinen wesentlichen hochschulpolitischen Forderungen
und Perspektiven überein mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie,
mit der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, mit dem
Bundesverband des Deutschen Groß- und Außenhandels und mit dem
Deutschen Industrie- und Handelstag. Nur im professionellen Geschick der Durchsetzung
ist es diesen Institutionen selbst vielleicht überlegen - das gerade
ist seine Funktion: methodisch und gezielt vorzugeben, z.B.
(Zum Seitenanfang)
- durch erfahrene
Nutzung und Bearbeitung der öffentlichen Medien, nicht zuletzt erleichtert
durch die Konzern-Verbindungen, wie sie oben beschrieben sind, zusätzlich
durch die gegenseitigem Verflechtungen mit dem Springer-Konzern und mit
der ZEIT-Stiftung sowie mit dem Spiegel- Verlag Rudolf Augstein;
- durch Symposien
und Kongresse, oft verbunden mit gezielten Abschlußerklärungen
(so z.B. die seinerzeit bereits als "Ruck" verstandene Leipziger Erklärung
zur Hochschuleingangsprüfung von 1996 - auch die Tagung vom 13. April
1999 läßt eine solche weichenstellende Abschlußerklärung
erwarten);
- durch Projekte
mit Modellcharakter (so z.B. das oben genannte Modellvorhaben für eine
Erprobung der globalen Steuerung von Hochschulhaushalten in Niedersachsen
und zahlreiche andere Kooperationen mit Hochschuleinrichtungen, desgleichen
durch Modellentwicktungen z.B. in Kooperation mit dem Stifterverband für
die Deutsche Wissenschaft u.a. wirtschaftsnahe Organisationen);
- durch Förderung
mit dem CHE kooperierender Studentlnnen, ja, durch Initiierung und Entwicklung
eines CHE-nahen Studentenverbands namens "scheme" oder "sCHEme", bestehend
"aus handverlesenen Studenten aus ganz Deutschland" (DIE ZEIT vom 11. 2.
1999);
- und nicht
zuletzt durch unentwegtes Auftreten Detlef Müller-Bölings selbst
in Printmedien und einschlägigen Fernsehsendungen.
Damit tritt
das CHE z.B. als Promotor auf für Hochschuleingangsprüfungen, für
die Einführung von Studiengebühren (vom CHE in Kostenbeteiligung
umbenannt), für die Einsetzung von Hochschulräten/ Beiräten/
Kuratorien, bezeichnet als Vertreter "gesellschaftlicher Gruppen" (keineswegs
nur mit beratender Funktion), für neue, nämlich privatisierte Formen
der Hochschulfinanzierung (mit allen Folgen auch inhaltlicher Abhängigkeit),
für neue Strukturen der inneruniversitären Mittelverteilung, für
eine damit verbundene Konzentration der Führungsfunktionen an den Universitäten
auf Dekane und den Präsidenten (mit großen Mittelverteilungs-Privilegien)
sowie für die Einführung von Evaluationen, die auch bei der Lehre
nicht im wesentlichen von Studentlnnen getragen werden sollen.
Und all dies
soll letztendlich eine gesteigerte Einflußnahme seitens privater Geldgeber
auf inhaltliche Prozesse und personelle Stellenbesetzungen garantieren, ja
vielleicht im selben Maße bis in Einzelheiten hinein den Durchgriff
des Kapitals ermöglichen, wie wir es bereits 1997 in dem heftigen Konflikt
zwischen dem Vorstandsvorsitzenden des Bertelsmann-Konzerns, Mark Wössner,
und der Privatuniversität Herdecke kennengelernt haben (Die Welt vom
24.3.1997).
So tritt schließlich
das Interesse an der Bekämpfung einer "undifferenzierten Demokratisierung
der Hochschulen" (Müller-Böling, SZ vom 21.2.1998), das gewaltige
Eingriffsinteresse, das mit solchen "Reformen" durchgesetzt werden soll, deutlich
zutage.
(Zum Seitenanfang)
Kein Wunder,
daß die Durchsetzung all dessen trotz aller noch herrschenden Lethargie
an den Hochschulen nicht so leicht möglich ist; da ist man schon auf
Verschleierungsbegriffe wie Autonomie, große Handlungsspielräume,
doppelte Legitimation, neue Formen der Partizipation etc. angewiesen; anders
würden die unternehmerähnlichen Führungsfunktionen zu offensichtlich
sein und stärkeren Widerstand provozieren; da hört sich der Begriff
Korporative Autonomie doch einschmeichelnder an als jede offene Propaganda
für Führer-Strukturen.
Eine solche
Propaganda ist aber nicht ein Skandal, der nur eben einer antidemokratischen
Haltung personell zuzuordnen wäre, sondern das logische Ergebnis eines
mit jedem Konzentrationsschub notwendigerweise wachsenden Widerspruchs: je
mächtiger und gewaltiger das konzentrierte Kapital auftritt, desto unerträglicher
werden ihm alle demokratischen und sozialen Bändigungsversuche und alle
institutionellen Regelungen, die solches unterstützen. Deren Einschränkung
oder Beseitigung ist kein willkürliches, sondern sein expansionsbedingtes,
also lebensnotwendiges Ziel.
Es geht hier
eben nicht nur um "reine Ökonomie", nicht nur um billige, kurzfristig
verwertbare Arbeit in Forschung und Lehre oder auch nur billige und kurzfristig
abgeschlossene Ausbildung (so vor allem in den neuen Bachelor-Studiengängen),
es geht darüberhinaus, aber ebenfalls nicht nur, um eine Ausrichtung,
eine nicht zuletzt ideologische Ausrichtung des Studiums allein auf Marktprinzipien,
auf ein Selbstverständnis der eigenen Qualifikation, wonach diese nichts
anderes mehr darstellen soll als eine "Investition in die eigene Person" (deutlich
bei Studiengebühren und der Propagierung ihrer biographischen Rentabilität
als Maßstab).
Um all dies
geht es zwar auch, aber letztlich geht es um hochpolitisch-ökonomische
Perspektiven: um die Durchsetzung einer Sachgerechtigkeit als Prinzip, um
eine mentale Einstimmung, die sich jedes Fragen oder gar In-Frage-Stellen
bzgl. der Bedingungen von Vorgängen oder Maßnahmen verbietet, diese
gleichsam als religiös oder naturgesetzlich hinnehmend. Und dies ganz
entgegen jeder aufgeklärten Perspektive und der aufklärerischen
Funktion von Hochschulen, die Menschen aus ihrer Opferrolle herauszuholen,
sie als Handelnde verstehbar und die Bedingungen dafür ihnen selbst erkennbar
zu machen. Die Folge soll vielmehr sein, daß wenn z.B. einmal 50% der
Studierenden abgebaut werden sollen, dies als Ergebnis einer unwiderstehlichen
Naturgesetzlichkeit, erzwungen durch den Markt, gelten soll. Es geht dabei
um den Versuch einer Ersetzung von Politik durch marktgesetzliche Sachgerechtigkeiten
und um den Aufbau von Strukturen, deren Sinn es nicht zuletzt ist, jeden Widerstand
als widersinnig, als Selbstschädigung der Subjekte, die ihn leisten,
zu verstehen.
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Daher: Eliminierung
allgemein-politischer Interessen (nachdem allgemein-politische Äußerungen
studentischer VertreterInnen längst verboten sind), Eliminierung aller
Befähigung zu allgemein-politischer Analyse, Eliminierung aller Utopien
und aller an ihnen ausgerichteten Denkformen - und ihre Ersetzung durch das
kalte Kalkül als Lebensperspektive.
Es ist kein
Zufall, daß diese fundamentalen Änderungen im Bildungssystem gerade
jetzt in Gang gesetzt und durchgesetzt werden sollen. Angesichts der gegenwärtig
beschleunigten technologischen Fortschritte, ja, Sprünge geht es z.Zt.
besonders darum, durch wen und in welchen Relationen zwischen den Klassen
und den rivalisierenden Gesellschaftsgruppen die gewaltigen Mehrprodukte realisiert
werden können, wer also über jene Mehrprodukte verfügt, die
sich aus den großen technologischen Produktionssteigerungen ergeben.
Die allgemein-politischen
Interessen - sowohl allgemein in der Gesellschaft als auch gerade unter den
Studierenden - stellen für die Freiheit des Kapitals eine potentielle
Einschränkung, also eine deutliche Gefahr dar und werden so wahrgenommen.
Die Frage der Studiengebühren, das sei nochmals betont, ist politisch
hier angesiedelt: Mit ihnen sollen zwar auch Sparmaßnahmen zu Gunsten
der öffentlichen Haushalte praktiziert werden. Aber vor allem geht es
erstens um straffe soziale Selektion und zweitens um ideologische Selektion,
mit der letztlich durchgesetzt werden soll, daß hauptsächlich noch
solche Mentalitäten zu dulden und zu fördern sind, die sich hauptsächlich
an Marktgesetzlichkeiten orientieren.
All dies sind
keine völlig neuen Phänomene in der Wissenschaft und in der Forschung;
die Drittmittel-Finanzierung ist längst verbreitet und jene Abhängigkeiten
damit konstituiert. Aber sie flächendeckend zu etablieren, sie zum Grundprinzip
aller Wissenschaft, Forschung und Lehre zu erheben, das ist das Ziel der gegenwärtig
laufenden fundamentalen Änderungsprozesse. Damit könnte eine überaus
konsequente Einbindung der betroffenen Hochschulangehörigen in das marktgerechte
Unterdrückungssystem durchgesetzt werden.
Vielleicht gibt
es bereits heute ein ideales Vorbild für die Strukturen, die letztlich
angepeilt werden. Im Oktober 1998 hat die Bertelsmann-AG, also der Konzern,
eine hausinterne Corporate University eröffnet, und zwar in Form
einer virtuellen Universität, perfekt ausgerichtet auf die Interessen
des Konzerns selbst: Führungskräfte aus 50 Ländern (!) werden
hier in ihre Tätigkeiten im Konzern eingewiesen und in periodischen Abständen
qualifiziert. Damit soll nicht nur substantielle Qualifikation vermittelt,
sondern zugleich und vor allem ein neues Bewußtsein geschaffen werden,
nämlich eine Corporate Identity - der Name der Universität
sagt es -, und zwar als virtuelle Wirklichkeit, hocheffektiv den Marktinteressen
des Bertelsmann-Kapitals angepaßt.
(überarbeitete
Fassung eines Referats auf dem Seminar "Wissenschaft und Macht" des BdWi und
der
Heinrich-Böll-Stiftung
NRW, 22.-24. Januar 1999 an der Universität Münster)
Martin Bennhold,
BdWi, Dr. iur., Prof für Rechtssoziologie, Universität, 49069 Osnabrück
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