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Quelle: www.nrwl.de

Endlich selbstständig - "Schule 21"!

Kriterienkatalog zum Aufbruch aus der Unfreiheit in das selbst verantwortete, selbst geplante und selbst evaluierte, selbstständige Schul-Management

Die nachfolgende "Gewissenserforschung" richtet sich ausdrücklich nicht an diejenigen, die eigenständig und sachorientiert Schule mitgestalten und weiterentwickeln möchten, die sinnvolle Ansätze wie beispielsweise Regelungen zum Umgang mit einem Sachmittelbudget begrüßen und selbstbewusst keine Probleme mit einer moderaten Ausweitung von Schulleiterkompetenzen haben, die beispielsweise Verwaltungsabläufe verkürzen und insgesamt den Schulalltag effizienter gestalten können.

Die Fragen richten sich an alle, die die Reformprojekte der letzten Jahre als halbherzig konzipiert werteten, die die Wege weg von der "Unmündigkeit der Schule" als eine zu langsame Entwicklung empfanden, die jetzt "Demokratisierung von Schule" in greifbarer Nähe erleben und sich endlich von dem versprochenen Hauch von "Freiheit, Öffnung zur Welt hin und Abenteuer" anstecken lassen.

Die Fragen richten sich an alle, die sich dem Reiz einer aus Soziologie und Psychologie speisenden Begrifflichkeit, verbunden mit einer betriebswirtschaftlichen Managementsprache nicht entziehen möchten und die gegen Skepsis, Argwohn und Bedenken zu neuen "Schul-Ufern" streben.

Sie nämlich stehen vor der Überlegung, sich in den Schulgremien und in Absprache mit den kommunalen Entscheidungsträgern für das Projekt "Schule 21" zu entscheiden. Natürlich können die Fragen die Entscheidungsfindung nicht ersetzen. Allenfalls mögen sie einen Prozess verstärken, gegebenenfalls in ihrer subjektiven Ausrichtung Facetten der Entwicklung beleuchten oder wenige Mosaiksteine dem Gesamtbild beifügen.

1. Teilen Sie die Einschätzung, dass nach den Projekten "Öffnung von Schule", "Auseinandersetzung mit Teilautonomie von Schule im Sinne der Denkschrift", "Schulprogrammarbeit", "Schulentwicklung", "Qualitätssicherung, -steigerung und -evaluation" und "Schulprofilbildungen" nun die Zeit reif dafür ist, die Arbeit in den Schulen spürbar durch das Modellvorhaben "Selbstständige Schule" zu verbessern?

2. Schmerzt es Sie, dass gerade ein solches Projekt, das von allen Beteiligten mitgestaltet und -getragen werden sollte, geradezu ein "basisdemokratisches" Projekt ist durch den Entwurf eines Schulentwicklungsgesetzes der Landtagsfraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen die Beteiligung der Gewerkschaften und Verbände faktisch unterläuft? Lassen Sie sich davon beeinflussen, dass dieser Gesetzesentwurf eine Vielzahl von Mitbestimmungsrechten der Personalvertretungen für alle Schulen außer Kraft setzt und nicht nur für die am Projekt Beteiligten?

3. Können Sie darüber hinwegsehen, dass bei der Projektskizze Verweise auf die recht umstrittene nordrhein-westfälische Denkschrift von 1995 erfolgten oder das gemeinsame Projekt des Schulministeriums und der Bertelsmann-Stiftung "Schule & Co." (seit 1997) mit einem gewissen "Leitfunktion-Charakter" versehen wurde, wobei dessen "EvaluationÖG aber erst nach dem 31. Juli 2002 (!) erfolgen soll?
Irritiert es Sie, dass der nur wenigen bekannte neunseitige Text des Zwischenberichts des Projekts "Schule & Co." (8/97 - 2/00) mit dem Satz endet: "Erste Überlegungen, Konzeptentwürfe, isolierte Praxisversuche und vorläufige Strukturen in den verschiedenen Bereichen müssten sich erst noch in der Realität als machbar, erfolgreich oder gar übertragbar erweisen." (Seite 9)?

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4. Werden wir konkret! Wollen Sie bewusst die Verantwortung dafür übernehmen, dass aufgrund fehlender Bewerber oder mangelnden Interesses Einstellungen in bestimmten Fächern an Ihrer Schule nicht erfolgen können?

5. Können Sie sich vorstellen, dass Sie - natürlich ehrenamtlich und ohne entsprechende Stundenentlastung - in einem Lehrerrat, der nunmehr Personalratskompetenzen zugesprochen erhält, Schulleiterentscheidungen kritisch hinterfragen und gegebenenfalls bei ablehnender Haltung die nächsthöhere Stufe der Personalvertretung, den Personalrat, an rufen?
Besitzen Sie genügend Zivilcourage, Ihre Position auch dann durchzuhalten, wohlwissend, dass der Schulleiter im Rahmen seiner Personalbewirtschaftung auch über Beförderungschancen entscheidet?

6. Trauen Sie sich zu, im Rahmen eigenständiger Sachmittelbewirtschaftung beispielsweise zwischen einer dringend erforderlichen baulichen Sanierungsmaßnahme, der pädagogisch sinnvollen Anschaffung von Lehr-/Lernmittel, der von den Eltern angemahnten weiteren Beschäftigung von Reinigungskräften, der plausiblen Stundenaufstockung einer im Sekretariat tätigen Teilzeitkraft und einer ebenfalls wichtigen Neueinstellung in Mangelfächern zu entscheiden und in der Öffentlichkeit ihre Prioritätensetzung zu begründen?

7. Haben Sie sich einmal mit dem Gedanken angefreundet, dass Kompetenzerweiterungen im Projekt "Selbstständige Schule" eine Großaktion sein könnte, Verantwortung für (schul)politisch unbequeme Entscheidungen auf die Schulebene abzuschieben oder aus Sicht der Kommunen angesichts leerer Kassen nunmehr den Umgang mit unzureichenden finanziellen Mitteln von den Schulen selbst verantworten zu lassen? Macht Sie der Zeitpunkt für das Mehr an Kompetenzen und Verantwortung nicht nachdenklich?

8. Besitzen Sie genügend Selbstbewusstsein, neue Kontrollgremien/-instanzen, vom Evaluationsberater bis zum externen Projektmanager, vom regionalen Bildungsbüroleiter bis zum Methodentrainer, vom Beirat mit Vorstand, Geschäftsführung und Verwaltung bis hin zu Vereinsgründungen, um die regionalen Entwicklungsfonds zu betreuen, vom Unternehmensberater zur Organisationsentwicklung bis zu den Moderatoren schulinterner Steuergruppen an ihre "dienenden Zubringerfunktionen" zu erinnern?

9. Empfinden Sie nicht auch die Kritik als völlig überzogen, dass nach permanenter Arbeitsverdichtung zum Beispiel durch notwendige Absprachenotwendigkeiten zu Parallelarbeiten, Facharbeiten oder fächerverbindendem Arbeiten, durch Fremdkorrekturen im Abitur, Richtlinienerprobung, schulinterner Lehrerfortbildung, zusätzliche Ausbildungsaufgaben, Begleitprogrammentwicklung für Referendare und Schulprogramm-Evaluation, nach Engagement im Zusammenhang mit dem Aufbau eines Selbstlernzentrums und der Einrichtung einer Mediationsgruppe, nach Konzeption von Hochbegabten-Förderung und vielfältigen Beratungskonzepten für unterschiedliche Gruppen, nach Vorarbeiten für einen 8-jährigen Bildungsgang der eine oder andere sich gerne an Zeiten solider Unterrichtsvor- und -nachbereitung erinnert und zusätzlicher Aufgabenausweitung zurückhaltend gegenübersteht?
Steht dieser von Ihnen erwartete immense Zeitaufwand in vernünftiger Relation zur Effizienz für den Erziehungs-, Bildungs- und Ausbildungsauftrag der Schule?

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10. Sind Sie bereit, u.a. neben Unterricht, Erziehungsaufgaben, Elternarbeit, Verwaltungsaufgaben, Fort- und Weiterbildung einen beträchtlichen Zeitaufwand in die Einarbeitung für juristische und verwaltungstechnische Sachbearbeiteraufgaben zu investieren?

11. Wissen Sie, dass bei aller Innovations- und Experimentierfreudigkeit neuentwickelte Bewertungs- und Beurteilungs-Modelle die Diskussion um schulische Qualitätsstandards neu entfachen und die Abschlussvergabe den Ruf nach zentralen Prüfungen erneuern dürfte? Halten Sie es für denkbar, dass nicht zuletzt die unterschiedliche "finanzielle Betreuung" der Schulen durch die Kommunen den Schulvergleich untereinander erschweren könnte?

12. Wissen Sie es zu schätzen, dass nach allen Evaluationserfahrungen beispielsweise zum fächerübergreifenden Unterricht, zu Parallelarbeiten und zum Schulprogramm nunmehr Fremd- und Selbstevaluation zentrale Bestandteile der "Selbstständigen Schule" werden? Mehr Freiheit - mehr Kontrolle, lautet die Devise. Stört es Sie, dass Kommunikations-, Konflikt- und Methodenberater Sie bei dieser Arbeit unterstützen?

13. Mit der "Selbstständigen Schule" will man vornehmlich die pädagogische Arbeit der Schulen verbessern. Halten Sie nicht auch die Argumentation der Skeptiker für verfehlt, Schulen brauchten statt mehr "Schein-Selbstständigkeit", mehr Lehrer, mehr Sachmittel, mehr Entlastung für Erziehungsarbeit und mehr Anerkennung für ihre geleistete Arbeit?

14. Ist es völlig abwegig, das Gute der "Schule 21" als gar nicht so neu zu empfinden und das Neue nicht immer nur als gut? Sind Schulen nicht bereits heute relativ selbstständig in ihrer Unterrichtsorganisation und insbesondere bei der Unterrichtsgestaltung, beim Einstellungsverfahren, bei der Auswahl im Rahmen von "Geld statt Stellen", bei Schulleiterbeurteilungen im Rahmen der Lehrerausbildung und am Ende der Probezeit, bei der Entwicklung schulinterner Lehrpläne, bei schulorganisatorischen Entwicklungen?
Ist man ein "unbeweglicher Lehrer", wenn man die "Zwangsbeglückungsstrategie" nicht euphorisch bejubelt?

15. Leben Sie nicht auch von der Hoffnung, dass man nicht alle Fragen von Verbandsvertretern überbewerten sollte? Lehrt die Erfahrung nicht auch, dass spannender als ein Orientierungsrahmen mit groben Skizzen die konkreten Details bei der Umsetzung sind, aber dass auch "vorauseilender Gehorsam" selten im Leben klug ist?

Anmerkung zur Auswertung
Ihre Auswertung sollte nach rechtem Verständnis selbst-evaluiert erfolgen (auch als Vorübung zur Praxis der "Selbstständigen Schule").

Peter Silbernagel

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